Echte Hilfe oder Profit? Volunteering-Tipps von Isabel Dwinger | Teil 4 von 10

| 15. November 2016 | 0 Kommentare

Finde eine verantwortungsbewusste Entsendeorganisation!

Früher handelte es sich bei den Anbietern meist um Entwicklungs- bzw. Hilfsorganisationen oder Naturschutzverbände. Heute sind es zunehmend auch Reiseveranstalter, was aufgrund der Profitorientierung u.a. stark in der Kritik steht. Es wird bemängelt, dass die Freiwilligen Kunden sind, die dem Unternehmen die existenziellen Einnahmen bringen. Vor dem Hintergrund zählten ihre und nicht vorwiegend die der Gastgemeinde. Anna McKeon listet in puncto Veranstalter daher die weitere Wahrheit auf, dass es keinen Sinn ergibt, schlecht geführte Organisationen zu unterstützen. Das leuchtet ein. Allerdings muss hierbei wieder aufgepasst werden, nicht alle (kommerziellen) Veranstalter über einen Kamm zu scheren. Es gibt auch solche, die sehr engagiert sind. Diese Kriterien verhelfen dir dabei, solche Organisationen und Veranstalter zu identifizieren.

Es werden ggf. Qualifikationen und Referenzen gefordert

Wenn wir sagen, dass du Skills mitbringen musst, dann muss es im Umkehrschluss auch jemanden geben, der diese Skills überprüft. Eine gemeinsame Studie von dem Hilfswerk Brot für die Welt, Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung und der Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung (Akte) hat ergeben, dass rund 80% der untersuchten Anbieter keinen Lebenslauf, ein polizeiliches Führungszeugnis oder Referenzen einfordern. Profitorientierte Organisationen und Reiseveranstalter könnten dann nicht jeden vermitteln und Kunden verlieren. Wenn die Freiwilligenarbeit jedoch mit viel Verantwortung verbunden ist, ist es unabdingbar, diese einzufordern. Darüber hinaus kann es auch für dich als Volontär traumatisierend werden, wenn du ohne Qualifizierung in einem Gefängnis beispielsweise Freiwilligenarbeit leistest. Du wirst dich wundern, aber es gibt kein Projekt, das es nicht gibt.

Es gibt keine Kurzprogramme in der Arbeit mit verwundbaren Menschen

Ich habe es in einem anderen Kontext schon kritisch erwähnt,  aber die Kombi aus Partyurlaub am Strand und kurz mal für eins, zwei Wochen in ein Waisenhaus reinschauen, spricht für keine verantwortungsvolle Agentur. Kritische Stimmen sprechen hier berechtigterweise von einer Doppelmoral. Darüber hinaus ist es unverantwortlich, ausländische Gäste kurzzeitig in solche sensiblen Einrichtungen zu schicken. Denn derartige Einsätze bedürfen nicht nur Qualifikationen, sondern auch Zeit. Mehr zu dem Thema gibt es aber noch im sechsten Tipp.

Die Entsendeorganisation bereitet dich angemessen vor

Die Entsendeorganisation fungiert im Optimalfall lediglich als Vermittler. Das heißt einerseits, dass sie gemeinsam mit der Einsatzgemeinde erreichbare Ziele definiert, wofür ein Volontär benötigt und eingesetzt wird. Die Projektmitarbeiter müssen informiert werden, wer da zu ihnen kommt, mit wem sie ihren Alltag bestreiten. Aber auch du musst wissen, was auf dich zukommt, wie du dich gut auf die anstehenden Aufgaben vorbereiten kannst, damit sich dein Freiwilligendienst nicht im Sande von Orientierungslosigkeit, Missverständnissen und Im-Weg-Herumstehen verläuft. Daher sollte ersichtlich sein, inwieweit dich die Entsendeorganisation vorbereitet. Das kann durch persönliche Gespräche, Seminare und/oder ausführliche Papierunterlagen erfolgen. Dass die Entsendeorganisation nur die Funktion als Vermittler innehat, bedeutet auch, dass der Kunde nicht allein festlegen darf, wohin er wie lange geht. Das Angebot muss sowohl an die Möglichkeiten und Bedürfnisse des Hilfeleistenden, als auch der Gastgemeinde angepasst werden.

Achte auf Transparenz

Wer nichts zu verbergen hat, der kann seine Strukturen, Finanzen und Partner auch offenlegen. Schau also nach, ob etwaige Kooperationspartner, Programmdetails und Einsatzorte genauso wie Geldströme genauestens einsehbar sind. Ein Volunteering-Aufenthalt ist nicht unbedingt günstig. Daher wird es dir auch ein Anliegen sein, dass der Löwenteil nicht in die Entsendeorganisation, sondern in die Projekte fließt. Bezüglich der Partner gilt ganz grundsätzlich: Je mehr Anbieter zwischengeschaltet sind, desto intransparenter und schwieriger wird es, die Qualität nachzuprüfen. Am besten ist daher eine Organisation, die die Projekte direkt vermittelt und vor Ort über Kontakte verfügt und diese auch regelmäßig besucht. Dazu gehört zum Beispiel die Organisation ManaTapu. Wenn bestimmte Informationen nicht transparent sind, hake ruhig einmal bei der Organisation direkt nach.

Wähle Veranstalter mit einer Kinder- & Umweltschutzpolicy

Sozial verträglich und ökologisch nachhaltige Veranstalter lassen sich über Policys identifizieren. Denn hier werden Leitbilder definiert. Es ist wichtig, dass diese vertretbar sind und du verpflichtet wirst, sie zu lesen und zu unterschreiben. Auch solltest du zur Einhaltung eines festgeschriebenen Verhaltenskodex angehalten werden. Dies zeigt, dass sich die Entsendeorganisation auch mit ethisch-moralischen Fragen und der Verantwortung der Volontäre beschäftigt hat.

Achte auf das Marketing der Veranstalter

Hast du das Gefühl, dass mit Bildern von leidenden Kindern Armutstourismus und Voyeurismus  angesprochen wird, halte dich lieber davon fern. Mit dem Leid von Menschen zu werben, ist schlichtweg unethisch!

Weniger ist mehr

Einem Veranstalter, der sich auf ein oder zwei Regionen spezialisiert hat, kann ein intensiverer Austausch und eine engere Zusammenarbeit mit den Projekten vor Ort zugetraut werden, als einer, der überall auf der Welt eine große Menge Projekte im Portfolio hat. Mein Tipp ist daher, Spezialisten zu bevorzugen.

Schau nach Gütesiegeln und Gemeinnützigkeit

Es gibt bis dato nur eine kleine Auswahl an Zertifizierungen, die zeigen, dass die Corporate and Social Responsibility (CSR) der Entsendeorganisation geprüft und bestätigt wurde. Dazu gehört zum Beispiel das RAL-Zertifikat der Gütegemeinschaft Internationaler Freiwilligendienst e.V. oder das Qualitätssiegel von Quifd. Es handelt sich hierbei nicht um staatliche Siegel, aber die Leitlinien können öffentlich eingesehen werden und richten sich oft nach Kriterien staatlicher Programme wie weltwärts beispielsweise. Auch anhand der Kooperationen mit Kinderhilfswerken, Nicht-Regierungsorganisationen und Verbänden zu Entwicklungs- und Umweltfragen, Menschenrechten usw. lässt sich das Leitbild, die Philosophie und nicht zuletzt auch das Engagement eines Veranstalters erkennen.  Ist deren Netzwerk groß, spricht das schon einmal für einen engagierten Anbieter. Allerdings sind diese Siegel kein Muss. Sie kosten Geld, was sich vielleicht nicht alle leisten können. Ein familienbetriebenes, kleines Projekt, das eigene Richtlinien verfasst hat, kann genauso verantwortungsbewusst agieren. In dem Falle helfen auch Erfahrungsberichte. Es lohnt sich sowieso immer, danach zu schauen, sobald du ein bestimmtes Projekt oder einen Anbieter im Visier hast. Achte bei den Berichten insbesondere auf Kommentare zu den hier genannten Kriterien.

Das ganze Thema rund um Entsendeorganisationen wird auch in diesem Beitrag noch einmal ausführlich behandelt.

>> Hier geht es zu Teil 5 unserer Volunteering-Tipps

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Kategorie: Allgemein, Interkulturalität, Tipps, Voluntourismus

Isabel Dwinger

Über den Autor ()

Reisen? Das geht immer für Isabel Dwinger! Ob Work and Travel in Australien, Freiwilligenarbeit in Costa Rica, ein Praktikum in Spanien oder aber verschiedene Projekte wie die Bachelorarbeit in Ecuador oder eine Exkursion nach Madagaskar im Rahmen ihres Geographie-Studiums; in jeder Lebenssituation findet sie Wege ins Ausland. Darüber hinaus wirft sie auch gerne von zu Hause aus (kritische) Blicke auf derartige Aufenthalte und teilt ihre Erfahrungen am liebsten mit der Öffentlichkeit. Daher ist sie schon seit vielen Jahren Autorin für die Initiative Auslandszeit.

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